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Vor vielen Jahren sind wir auf der Rückreise aus dem Spanienurlaub nicht über die Autobahn gefahren, sondern hatten uns für die Landstraße direkt an der Küste nach Frankreich entschieden. Das ging entsprechend langsamer, wurde aber mit traumhaftem Meerblick und faszinierender Berglandschaft belohnt.
Heute wollen wir dieses Naturschauspiel im Frühling erleben und gleichzeitig die damals per Auto durchquerten Orte zu Fuß erkunden. Wir fahren von Figueres über die N260 bis Llança. Der frühe Morgen treibt noch Dunstschwaden über das Land. Die Fernsicht ist ein wenig verschleiert. Dafür werden wir links und rechts der Straße von einem farbenfrohen Blumenmeer begrüßt. Strahlend gelb blüht der Ginster, cyanblau der Borretsch, ultramarin und blauviolett wachsen Natternköpfe am Wegesrand, weiß und karminrosa leuchten Zingstrosen zwischen den Felsen und pinkfarben ragt das Löwenmaul aus den Wiesen. Vor dem Ortseingang nach Llança gibt es einen kleinen Stau. Wir müssen warten, bis eine Kuhherde die Straße überquert hat. Braungefleckte Kälbchen tanzen bockig aus der Reihe. Die Kuhtreiber
rufen sie zur Räson. Wir fischen nach unserer Kamera, aber die Herde ist schneller und die Straße schon wieder frei, als wir sie in den Focus nehmen wollen. Wir fahren vorerst durch Lança hindurch, vorbei an Urbanisationen, kleinen Buchten und dem Örtchen Colera über die Serpentinen-Straße am Meer entlang weiter bis Portbou. Langsam frühstückt die Sonne den milchigen Schleier des Morgens.
Portbou
Portbou taucht unten im Tal vor uns auf. Hier fallen die Pyrenäen ins Mittelmeer. Der Ort wird dominiert vom Schienengewirr vor dem gigantischen Bahnhof. Seit 1878 existiert die Bahnlinie von Barcelona bis zur französischen Grenze. Die Stahlkonstruktion des Bahnhofs wurde 1929 errichtet. Noch heute wechseln in Portbou alle international Reisenden den Zug. Alles, was per Bahn über die Grenze will, muss hier zwangsläufig umsteigen oder umgeladen werden. Das Eisenbahnnetz von Spanien hat eine andere Spurweite (1674 Millimeter) als sonst in Europa üblich.
Die neugotische Kirche Santa Maria leuchtet skurril weiß vor dem Bandwurm der Schiene.
Wir fahren hinunter in den Ort. Ohne Probleme bekommen wir einen Parkplatz am Meer. Trotz des Feiertages in Frankreich liegt der Ort um 10.00 Uhr morgens noch still vor den Wellen. Einige Straßencafés haben geöffnet. Dunkel grantige Felsen säumen die türkis schimmernde Bucht. Am kleinen Kieselstrand vor der Promenade sonnt sich ein erstes Touristenpaar. Wir setzen uns in das menschenleere Café am Meer und schauen uns um. Eine klassizistische Villa am Anfang der Rambla bekommt gerade ihren herrschaftlichen Glanz zurück. Die Straßenfassade erstrahlt bereits in frischem Weiß. Das Haus gegenüber verrottet noch unbeachtet vor sich hin. Dabei steht es in erster Linie zum Meer. Das rostige Ladenschild erzählt von vergangenen Zeiten. Am Ufer stehen die spanienüblichen Neubauten uncharmant auf Beton. Langsam trudeln die ersten Franzosen über die Grenze. Viele schrecken die anlässlich der Prinzenhochzeit angeordneten Grenzkontrollen von Ausflügen ins Nachbarland ab, erfahren wir von dem Boy, der uns den Kaffee bringt. Die Sonne klettert langsam höher und wir fühlen uns ein wenig wie im Urlaub. Der Wirt hält einen lauten Schwatz mit einer Nachbarin und der Kellner spielt mit einem schwarz-weiß gefleckten Hundebaby. Wir schultern die Kamera und erkunden den Ort.
Die Rambla liegt leer unter dem Schatten der alten Platanen. Ein Ladenbesitzer fegt den Bordstein. Schnaps- und Andenkenläden haben Ofertas vor den Türen ausgebreitet. Wir tauchen ein in die kleinen steilen Gassen zum Bahnhof. Überall sieht man die grenzstadttypischen Auslagen: Schuhe, Taschen, Lederwaren, Wein und Spirituosen, Tabak-, Schinken- und Wurstwaren... Die Einheimischen kommen uns mit Körben voll frischem Gemüse entgegen. Wir stehen vor der kleinen Markthalle. Auch hier herrscht Ruhe und Gelassenheit. Die Fischweiber sortieren behäbig ihr Angebot. Am Fleischstand wartet eine einsame Kundin. Nur beim Gemüse ist Andrang. Hier locken rot und duftend Stiegen voller Erdbeeren und der Salat lacht uns knackig entgegen. Da wir noch den ganzen Tag vor uns haben, bedauern wir es, hier nicht den Wochenendeinkauf stressfrei erledigen zu können. Wir steigen die Treppen hinauf und werfen einen Blick auf den Bahnhof, laufen dann weiter zur Kirche Santa Maria aus dem XIX. Jahrhundert. Diese ist leider von einem Bauzaun begrenzt. Portbou versteckt einige schöne Stadtpaläste. Nicht alle glänzen saniert wie z.B. das altrosa gestrichene jetzige Rathaus des Städtchens. Ein uraltes Hotel mit filigranen Fenstergittern und geschnitzten Fensterläden liegt ruinös im Dornröschenschlaf.
Im Seitenflügel eines unsanierten Modernismegebäudes stoßen wir auf ein kleines Walter-Benjamin-Museum. (11.00-13.00 Uhr geöffnet, Eintritt frei, Fotos und Zeitungsdokumentationen). Der alte Herr am Eingang will uns erst keine Fotos erlauben. Wir zeigen ihm unsere neueste Ausgabe der Costa-Live und legen ihm einen Stapel davon zu seinen Informationsblättern. Jetzt dürfen wir fotografieren, und als wir nach 3 Aufnahmen gehen wollen, ist er ganz enttäuscht. Wir erklären ihm, dass wir für die Reportage noch zum Walter-Benjamin-Denkmal wollen. Er weist uns erfreut den Weg.

Der israelische Künstler Dani Karavan schuf Anfang der 90er Jahre dieses vielbeachtete Symbol trügerischer Freiheit, um an Walter Benjamin und die Opfer des Faschismus zu erinnern. Das Monument befindet sich neben dem Friedhof oberhalb von Stadt und Hafen.
Eine rostige lange Metalltreppe steigt durch einen Tunnel den Steilhang hinab zum Meer. Der Blick zwischen den rostfarbenen Stahlwänden fällt direkt ins Wasser. Eine Treppe ins Nirgendwo. Symbolisch für den versperrten Weg in die Freiheit begrenzt eine Glasplatte den Schacht zum Meer.
Im Februar 1939 flohen Tausende vor Francos heranrückenden Truppen entlang der Gleise durch den Tunnel oder über die Berge nach Frankreich. Nachdem die Nazis dort eingefallen waren, kamen unzählige Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Lissabon mit Ziel Amerika durch Portbou. So erreichte am 25. September 1940 auch eine kleine Flüchtlingsgruppe, zu der der jüdische Philosoph und Schriftsteller Walter Benjamin gehörte, Portbou. Francos Grenzwachen achteten auf gültige Papiere. Das bedeutete für viele das Todesurteil. Auch für Walter Benjamin, der auf Grund fehlender Papiere zurück nach Frankreich geschickt werden sollte. Noch in der Nacht starb er an einer Überdosis Morphium. Sein Freitod rettete den anderen Flüchtlingen der Gruppe das Leben. Betroffen ließ die Guardia Civil seine Begleiter am nächsten Tag unbehelligt weiterreisen.
Auf dem Friedhof Portbous mahnt heute ein Gedenkstein mit Namen, Geburts- und Todestag sowie Benjamins Satz in katalanischer und deutscher Sprache: Es ist niemals ein Dokument der Zivilisation ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.
Erinnert an Endlichkeit und Schmerz kehren wir zurück ins Jetzt und laufen hinunter zum Meer. Zum Glück verwehrt uns heute niemand mehr den Weg in die Freiheit.

Von Portbou bis Llança
Wir fahren zurück in Richtung Colera und halten am 1. Aussichtspunkt hinter Portbou.
Die Sonne hat endgültig die Macht am Himmel übernommen und das Meer färbt sich von Stunde zu Stunde blauer. Am Horizont ein Schiff, der Schrei der Möwen, eine verwitterte Treppe am Felsen und ein leichter Wind im Haar lassen das Fernweh spüren. Wir fahren mit offenem Dach weiter die Bergstraße entlang. Radfahrer quälen sich sportlich Serpentine für Serpentine voran. Der Kopf der Truppe hat die Steigung bereits überwunden und rollt entspannt mit Anlauf zum nächsten Anstieg. Vor Colera stoppen uns Straßenbauarbeiten. Die Verbreiterung der Straße sieht noch nicht nach baldiger Vollendung aus, und der Sommer naht mit riesengroßen Schritten. Nach zehn Minuten hat der Bagger Pause. Es ist 13.00 Uhr und Mittagszeit. Wir dürfen weiter und folgen Baggerfahrer Jordi in Richtung Colera. Von der N 260 aus springt bunt der Art Parc von Colera ins Auge. Vielleicht wollte man mit diesen grellen Skulpturen den Blick der Reisenden vom Eisenbahn-Brückenmonster ablenken. Colera liegt an einer kleinen malerischen Bucht, war einst ein stiller Fischerort und ist heute mit der mächtigen Eisenbahnbrücke gestraft. Touristen gibt es im Moment so gut wie nicht, obwohl auch hier zwei große Appartementblöcke am Strand auf die saisonale Betriebsamkeit warten. Am Fels- und Kieselstrand strecken sich kleine grüne Urbanisationen in Richtung Frankreich. Colera besitzt mit der uralten Platane Plàtan de la Plaça auf der Plaça Major ein echtes Naturmonument, das auch noch praktischerweise Schatten spendet. In den zwei Hauptgassen stehen durchaus altcharmante Häuser. Trotzdem: die Brücke ist allgegenwärtig, und die Uferbebauung auch nicht nach unserem Geschmack.
Die Bausünden der Zivilisation vergisst man schon an der nächst gelegenen Bucht. Die Platja de Garbet hat Stil. Hier treffen wir auf den ersten Badebetrieb des Tages. Der kleine Parkplatz vor der Bucht ist überfüllt, der Strand von Sonnenhungrigen locker besucht, und selbst im Wasser schwimmt schon einer mutig den Kräuselwellen entgegen. Wir fahren zum Parkplatz vor dem Campingplatz. Dabei durchqueren wir förmlich die Terrasse des Strandrestaurants Garbet. Die Kellner mit langen weißen Schürzen machen uns neugierig auf das Angebot der Speisekarte. Unser Magen knurrt auch schon empfindlich. Wir haben Glück und bekommen das Auto auf einem schlammigen Platz geparkt. Das Strandrestaurant entpuppt sich bei näherer Betrachtung als teure Adresse am Meer. Nirgends sonst sitzt man förmlich am Strand - fast mit den Füßen im Sand - und bekommt frischen Fisch lecker zubereitet auf edlem Geschirr und weißen Tischdecken von schwarz-weiß gekleideten, eifrigen Kellnern und Kellnerinnen serviert. Den frischen Fang präsentiert man den Gästen vor der Zubereitung auf dem Silbertablett zur
Ansicht. Der Service und die Aussicht wollen bezahlt sein. Leider muss man das
auch am Ende, Meerblick
inklusive.

Llança
Gestärkt fahren wir weiter und landen in Llança am Hafen. Auch hier ist es noch ruhig und besinnlich. Die Uferpromenade säumen Restaurants, Bars und Souvenirläden. Die Höhe der Neubauten hält sich in Grenzen. Wir erklimmen den felsigen Aussichtspunkt El Castellar am Hafen und bemerken am Horizont, dass der Wind des Nachmittags im Anzug ist. Draußen ist das Meer bereits tiefdunkelblau und aufgekräuselt. Uns lockt der Rundweg Camino de Ronda rechts über die Steilküste. Hier klettert man durch einen exotisch, prachtvoll und intensiv blühenden Steingarten. Karminrote Teppiche von Mittagsblumen wechseln mit leuchtend orangefarbenen Feldern. Stolz ragen die lachsfarbenen Blütenstände der Aloe in den Horizont. Der Wind kommt näher und intensiviert die Farbenpracht. Das Grün der Bäume wird dunkler, die Felsen zeigen mehr Zeichnung und das Meer glitzert ultramarin. In den kleinen Badebuchten unter der Klippe greifen die ersten zu Jacke und Pullover. Aber der Wind umhüllt uns warm. Er kommt aus dem Süden und schmeichelt der Haut. Wir kehren um und wandern zurück zum Hafen. Auch hier leuchten jetzt die Yachten und Bötchen vor blauen Wellen und wiegen sich im Wind.
Die Altstadt von Llança, Llança-Vila liegt zurückgesetzt vom Meer im Hintergrund und wird von der mächtigen barocken Kirche Sant Miquel überragt.
Nebenan steht der Torre Romànica aus dem 14. Jh. In den schmalen Gassen der Altstadt sind etliche Häuser leer, einige hat man stilvoll saniert andere warten noch auf bessere Zeiten.
Es herrscht das Flair alter Städte ohne Perfektion.

la Selva de Mar
Unser nächstes Ziel lässt uns von der Straße nach Port de la Selva abbiegen in Richtung la Selva de Mar. Das kleine Dorf duckt sich etwa 1,5 Kilometer vom Meer entfernt an die Hänge der Pyrenäen. Das Dorf gilt als Geheimtipp für Idylle. Das scheint sich aber mittlerweile auch herumgesprochen zu haben. Die erste kleine Urbanisation ist im Bau, passt sich aber in Form, Farben und Größe an die Bergwelt an. Das Dorf besticht im Inneren mit Stille und Romantik. Viele Häuser sind fachgerecht saniert oder gerade in Arbeit. Ein wilder Bach entspringt einer Quelle oberhalb der Häuser und wird von kleinen Brücken überspannt. Blumenkübel stehen auf der Straße.
Ein großes Steinhaus birgt ein Restaurant. Das Innenambiente überrascht mit großzügiger Gestaltung, bequemen Chillecken, rotem Billardtisch und moderner Kunst. Wir bestellen Wasser, Cola und Kaffee. Das Ambiente ist teuer, die Getränke leider auch. Schade, hier herrschen Barcelona-Preise.

Port de la Selva
Angekommen in Port de la Selva, rutscht die Sonne langsam hinter den Horizont. Am Hafen tanzt man Sardanes. Die Netze der Fischer liegen ausgebreitet. Die weiße Kulisse der Stadt hat Postkartenflair. Viele kleine Restaurants am Hafen sind belebt. Taucher laden ihre Sachen vom Boot. Die Fischerei ist hier richtig zu Hause, und wir schlendern entspannt und müde am Meer entlang.
Die Sardanesklänge vermischen sich mit dem Schrei der Möwen und die letzten Segler suchen den sicheren Hafen.
Die Vorsaison, im Mai und Juni, die beginnende Lebendigkeit nach der stillen Einsamkeit des Winters hat ihren ganz besonderen Reiz. Die Sonne brennt noch nicht, Menschenmassen gibt es noch keine und alles hat bereits geöffnet. Die Costa Brava ist jetzt unbedingt eine Reise wert.
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