Kirchen, Berge, Traditionen

Sommer am Meer, Frühling in den Bergen und Schnee auf den Pyrenäen-Gipfeln.
Der Juni an der Costa Brava.

Nach den Tagen der Nebelschleier blinkten Anfang Juni endlich wieder die Berge am Horizont. Der Tramuntana hatte die Wolken verweht, und man konnte deutlich - zu dieser Jahreszeit eher ungewöhnlich – noch etliche Schneespitzen in den Pyrenäen ausmachen. Hier an der Küste fühlte es sich jetzt erstmals in diesem Jahr richtig nach Sommer an. Wir fanden den Tag genau richtig für eine Exkursion in Richtung Frankreich über die Gipfel. So packten wir unsere Kameraausrüstung und ausreichend Trinkwasser in den Kofferraum und fuhren los in Richtung La Jonquera. Am Abzweig Darnius, Maçanet de Cabrenys und Costoja verlassen wir die NII und biegen ab in die Berge.



Die Straße führt durch lichte Korkeichenwälder. Vor dem Blau des Himmels zeichnen die dunklen, knorrigen Stämme bizarre Figuren in die Luft. Das helle Grün des Maiwuchses vereint sich über unseren Köpfen zu einem rauschenden Blättermeer. Pferde grasen vor einer Masia und einzelne Strohballen sind gelb in die Landschaft gerollt. Links neben uns lockt das Restaurant La Posta mit seinem exzellenten Mittagsmenü für 10 Euro. Bis zur Mittagszeit werden wir heute nicht zurück sein und verschieben die Einkehr auf später. Darnius liegt vormitttäglich still vor uns. Die Allee uralter Bäume beschattet die Straße. Links zweigt ein Weg zum Stausee ab. Am Horizont leuchtet der Schnee. Hier unten ist schon Sommer. Die Straße steigt an nach Maçanet de Cabrenys und windet sich langsam voran. Wir sind fast die einzigen Reisenden. Unser Blick schweift immer wieder über die faszinierende grüne Bergwelt vor uns.
Auf halber Strecke erinnern wir uns an den Tipp eines Nachbarn. Er empfahl uns, unbedingt einmal bei der Ermita "Sant Esteve del Llop" abzubiegen. Nach links führt ein kleiner Weg in den Wald. Wir folgen ihm und stehen kurze Zeit später an einem idyllisch-romantischen Ort aus romanischer Zeit. Ein paradiesischer Ort der Stille zu zweit "Verweile doch du bist so schön" möchte man sagen.
Trotzdem fahren wir bald weiter. Unser heutiges Ziel liegt hinter der Grenze, und wir haben noch einige Kilometer Berg zu überwinden.
Nach einer Weile liegt Maçanet de Cabrenys vor uns. Der grüne Tunnel der Platanenallee leitet uns zum Ort. Auf dem Rückweg wollen wir hier rasten. Die Straße wird breiter und zu einer kurvenreichen Piste, die zum Rasen verleitet. Nach wie vor treffen wir nur selten ein Auto. In Tapis halten wir. Hier haben wir schon früher öfter günstig im Restaurant des Dorfes zu Mittag gegessen. Das Tagesmenü ist unschlagbar preiswert und gut. Viele Franzosen wissen das zu schätzen und meist parken auch eine Reihe deutscher Autos um die Mittagszeit auf dem großen Parkplatz vor dem Ort. In den Wäldern ringsum wachsen Pfifferlinge und Steinpilze. Der große Dorfladen ist eher für Durchreisende als die wenigen Einwohner konzipiert. Wir sind der französischen Grenze sehr nah. Bestückt mit frischem Steinofenbrot, Käse und Tomaten aus dem Dorfgeschäft, sind wir für ein späteres Picknick gerüstet und schauen uns um. Leider fehlt heute das Meer am Horizont. Dunstschleier vernebeln die Fernsicht nach Süden. An klaren Tagen ist die Aussicht von der Terrasse vor dem Restaurant unbeschreiblich. Aber auch die blaugrauvioletten Abstufungen der Berglandschaften bis hin ins Tal haben ihren Reiz. Weiter geht’s bergan. Dann, überraschend nach einer Serpentine, ein Postkartenblick. Vor uns liegt auf dem Pass der Grenzort Costoja von der Sonne angestrahlt, dahinter ein weiß gezeichneter Gipfel, im Vordergrund blüht gelb der Ginster. Wir wollen vor der Mittagszeit noch eine Leinenweberei in Frankreich besuchen und lassen Costoja erstmal rechts liegen. Die Straße wird wieder eng und schlängelt sich langsam ins Tal. Ein Bach fließt sprudelnd neben uns. Steingartenpflanzen blühen zartlila auf den Felsen am Rand. Wir fahren bis Sant Llorenç de Cerdans.


Handarbeit in alter Tradition - Die Leinenweberei in Sant Llorenç de Cerdans
(Saint-Laurent-de-Cerdans)
Die kleine Bergstadt in Frankreich hat eine Attraktion, so haben wir gehört. Hier befindet sich eine Leinenweberei, die in alter Manufakturtradition robustes Leinen webt. Wir schaffen es gerade so, kurz vor der Mittagspause neben der Fabrik zu parken. In Frankreich schließen die meisten Pforten bereits um 12.00 Uhr. Der Verkaufsladen hat noch offen, und begeistert: Gestreiftes Leinen in allen Breiten und Farben als Meterware und zu Kissen, Schürzen, Schuhen, Taschen, Teppichen, Decken und Tüchern verarbeitet, lockt zum hemmungslosen Einkauf. Handarbeit hat heute seinen Preis, und wir müssen uns bremsen. Den gestreiften Espandrillos kann ich aber keinesfalls widerstehen. Wir fragen nach einer Fotoerlaubnis für Laden und Fabrikation. Nach kurzer Rücksprache mit der Familie dürfen wir die mittlerweile menschenleere Fabrikationshalle betreten. Die Weber und Weberinnen sind bereits zur Mittagspause aufgebrochen. Die alten Maschinen üben eine eigene Faszination aus. Auf einigen entsteht gerade festes Leinen für Liegestühle. Die chreme -hellgrau breitgestreifte Variante auf einem Ballen ist mein erklärter Designfavorit. In Zukunft werde ich auf den Trödelmärkten nach alten Stühlen Ausschau halten, da ich endlich weiß, wo man edlenneuen Bezugsstoff bekommt.
Der Liegestuhlstoff ist in der richtigen Breite gewebt und kostet pro Meter 9 Euro. Für die Espandrillos muss man tiefer in die Tasche greifen. Wer auf kleinem Fuß lebt, ist mit 39 Euro für einfache Modelle dabei. Für große Füße und knöchelhohe Modelle muss man stolze 56,80 Euro berappen.
Wir bedanken uns bei der netten Französin im Laden. Sie hat extra ihren Pausenbeginn verzögert und schließt jetzt nach uns bis 16.00 Uhr die Tore. Wir bummeln noch auf den Berg zur Kirche und entdecken von dort ein kleines Märchenschloss hinter der Weberei. Hat man sich das erwebt? Es ist in bester Form und Farbe und blinkt stolz zwischen den zart-grünen Bäumen hervor. Die Vegetation steckt in luftiger Höhe noch im Frühlingszeitalter.
Der Ort ist von französischem Charme. Fensterläden, filigrane Gitter und helle Fassaden sorgen für die Leichtigkeit des Seins. Trotzdem mögen wir die Grauen Steinhäuser auf der spanischen Seite der Berge lieber und fahren zurück.


Der Grenzort Costoja (Couteges)
In Costoja oben auf dem Pass, finden wir Zeit für ein Picknick. Anschließend besichtigen wir die Kirche von innen. In Frankreichs Kirchen sind die Türen nicht verschlossen. Im Inneren überrascht ein monumentales Portal aus dem 11. – 12. Jahrhundert.
Der Kirchplatz ist mit imposanten Steinplatten gepflastert und von alten Steinhäusern umschlossen. Viele davon sind saniert, und Blumenkästen schmücken die Fenster. Der Friedhof hat rostig geschnörkelte Grabkreuze und liegt direkt auf dem Platz. Die Dorfgassen münden als Feldwege im Berg.
Wir rollen weiter zurück hinab ins Tal vorbei an Tapis. Hier hat sich inzwischen der Parkplatz des Restaurants mit den Autos der Mittagsgäste gefüllt. Leider haben wir keine Zeit für eine zweistündige Siestapause und stoppen erst wieder in Maçanet de Cabrenys.


Maçanet de Cabrenys.
Wir biegen nach dem Ortseingang nach links ab zum alten Ortskern von Maçanet und lassen das Auto stehen. Wir bummeln durch die nachmitttäglich-himmlische Ruhe der Gassen und genießen die kühle Bergluft. Das kleine Städtchen ist umgeben von Bergen ("Roc de Campana": 1.438 m, "Roc de Frausa": 1.443 m und "Puig de les Pedrisses": 1.333 m) und liegt inmitten der Natur. Die alten Häuser im Zentrum scharen sich um die Kirche St.Marti. Es wird viel ausgebaut und saniert. Zum Flüsschen hin erstrecken sich die Gemüsegärten der Bewohner.
Maçanet de Cabrenys ist auf Grund seiner Lage ein beliebtes Urlaubs- und Wochenendziel. Für Wander- und Naturfreunde der ideale Ausgangspunkt für Exkursionen in die Berge oder dem Stausee von Boadella. Es gibt kleine Hotels und Touristik Rural in und um den Ort. Die neu gebauten Häuser rund um das Städtchen sind leider ohne Charme.
Früher lebten die Bewohner von Land- und Viehwirtschaft, Olivenanbau, der Korkproduktion und dem Abbau von Eisen. Jetzt sind die Minen geschlossen und es gibt kaum noch Landwirtschaft. Heute lebt man vom Tourismus, oder ist in andere Städte
gezogen. An den Wochenenden und zur Ferienzeit herrscht auch in den Bergen rege Betriebsamkeit.
In den Restaurants bekommt man die Pilze, Forellen und das Wildschwein oder Wildkaninchen frisch serviert, und noch sind die Preise meist niedriger als an der Küste.
Wir fahren weiter hinab ins Tal. Die Sonne steht hoch am Himmel und die Luft beginnt zu flimmern. Ein kleiner Wasserfall am Straßenrand zeugt vom Tauwetter oberhalb der Schneegrenze. Fast im Tal biegen wir die Straße links ab nach Agullana.



Agullana
In Agullana stoppen wir ein letztes Mal für heute. Wir hatten von interessanten
Modernisme-Bauten gehört und wollen diese aufspüren. Eine gewaltige Steinmauer mit den typischen Ornamenten dieses Baustils fällt uns ins Auge. Leider verwehrt ein wunderschön verschnörkeltes Tor den Eingang zu Park und Gebäude. So bleibt es bei einer Impression von weitem.
Seine Blütezeit erlebte Agullana im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Korkeichen aus den nahen Bergen brachten damals Wohlstand ins Dorf. 1913 stellten 40 Fabriken mit etwa 600 Beschäftigten Korken her. Viele wurden nach Frankreich exportiert. Damals zählte die Stadt 1.798 Einwohner. Heute leben nur noch 619 Personen fest im Ort.
Von der Blütezeit Agullanas erzählen einige Häuser. Diese sind im Modernisme-Stil, dem katalanischen Jugendstil, gebaut und gut erhalten und saniert. Damals verbreiterte man auch die Straßen und pflanzte Bäume. Das Dorf bekam einen städtischen Anstrich und in der Region den Spitznamen "Klein-Madrid".
Wir laufen um die hohe Mauer herum und hoffen, dahinter das Gebäude zu erspähen. Leider finden wir keine Lücke in der Begrenzung.
Dafür stehen wir kurze Zeit später vor dem " la Concordia". Der Modernisme-Bau ist frisch renoviert, und aus dem Inneren schallt ein Stimmengewirr. Wir schauen hinein und stehen in einem großen hohen Saal. Hier hallt es wie in einer Bahnhofshalle. Einige Arbeiter sitzen beim Kaffee und schwätzen oder lesen Zeitung. Leider ist der Garten zum Park hin noch geschlossen. So verlassen wir das imposante Gebäude und laufen weiter bis zur Plaça Major.
Dort treffen wir auf die Casa Estela. Die Villa zieht mit ihrem markanten grünen Turmdach die Blicke auf sich. Sie wurde von dem Architekten Joseph Azemar i Pont aus Figueres gebaut. Gegenüber beherrscht - umgeben von alten Stadtpalästen - die restaurierte Kirche "Santa Maria" aus dem 12.-13. Jh. den Platz.
Agullana war neben Darnius eines der ersten Dörfer der Provinz, das eine elektrische Beleuchtung installierte. Die Firma Serra i Gorgot wandelte unter Leitung des Ingenieurs Gaspar Brunet aus Barcelona die alte Mühle "d’en Serra" in die Lichtfabrik "La Arnesense" um. Am 29. Dezember 1895 wurde dann "Lichtfest" gefeiert.
Am Ende des Bürgerkrieges (1936-1939) wurde Agullana zum Zufluchtsort vieler Politiker und Intellektueller.
Bevor wir Agullana verlassen, schauen wir noch auf dem Friedhof vorbei. Hier sollen "Romeo und Julia" aus dem Empordà begraben sein, so wird erzählt. Rosa - die älteste Tochter von Can Serra - und Anibal - der jüngste Sohn von Can Corominas - verliebten sich ineinander. Eines Tages kam Anibals reicher Onkel aus Amerika, um seinen Neffen dahin mitzunehmen. Er brauchte Hilfe bei der Verwaltung seiner Güter. Die Eltern stimmten erfreut für die Reise. Anibal wollte sich nicht von seiner Liebsten trennen, und eine Hochzeit in der Kürze der Zeit schien unwahrscheinlich. So floh das Liebespaar gemeinsam in den Tod. Seit dem 20. September 1911 sind sie fortan auf immer und ewig nebeneinander auf dem Friedhof von Agullana vereint. Deshalb gilt Agullana auch als das "Verona aus dem Empordà".

Passend zu der traurig-romantischen Story färbt sich der Himmel über den Bergen langsam rot. Der Abend zieht ins Land, und wir freuen uns auf ein kühles Bier auf der heimischen Terrasse.
Hasta luego.