>> Markttag in Vic

Hinter den grünen Berge des Osona

Etwa eine Stunde fährt man von der Küste bis Vic. Die Kleinstadt liegt ungefähr 70 Kilometer von Girona und 50 km von Ripoll entfernt im Landesinneren. Eine Freundin schwärmte von der gut erhaltenen mittelalterlichen Innenstadt, den schönen Geschäften und dem bunten Markttreiben an den Samstagen. So neugierig geworden, fuhren wir an einem der letzten Wochenenden nach Vic.



Die Nationalstraße 152 beginnt an der Autobahnabfahrt zum Flughafen Girona und ist gut ausgebaut. Es herrschte nur wenig Verkehr, und die waldreiche Berglandschaft links und rechts der Straße erinnerte fast an Schweizer Berglandschaften, wären da nicht die katalanischen Masias in größeren Abständen an die Berghänge geschmiegt. Nach einer Dreiviertelstunde gemütlicher Autofahrt liegt im Tal die kleine Stadt Vic vor uns und enttäuscht auf den ersten Blick mit hässlicher Industriearchitektur und Neubauvierteln. Unverdrossen folgen wir der Ausschilderung zum Zentrum der Stadt. Schon nach kurzer Zeit erreichen wir den Bahnhof. Hinter diesem befinden sich ausgedehnte gebührenfreie Parkflächen, und wir stellen hier, wie empfohlen, unser Auto ab. Gegenüber dem Bahnhof erstrecken sich die ersten Marktstände in die Innenstadt. Wir stürzen uns ins Gewimmel, das nicht die Dichte eines Sommermarktes an der Küste hat. Entspannt lassen wir uns treiben. Das Angebot an Textilien und Lederwaren ist unerschöpflich und preiswert. Es gibt Leinenhosen in allen Farben und Größen für 10 Euro das Stück. Die in Material, Farbe und Größe dazu passenden Jacken und Oberteile kosten ebenfalls 10 Euro. Zwei Marktstände bieten eine große Auswahl an Stoffen und Stoffresten von Samt bis Spitze und uni bis kunterbunt. Es gibt Polster und Auflagen für Gartenmöbel, T-Shirts, Schuhe, Unterwäsche, Schmuck und alles in unglaublicher Auswahl. Die Straße mündet auf der Plaça Major. Der Markt füllt auch diesen großen Platz komplett mit buntem Treiben. Hier stehen u.a. auch Blumenhändler, Gemüsebauern, Obsthändler und selbst vor dem Verkauf von lebenden Kleintieren schreckt man nicht zurück. Kleine Enten, Hühnerküken und Pfauenkinder werden in winzigen Käfigen feil geboten zum Entsetzten deutscher Touristen. In einer Ecke unter den Arkaden findet man Antikes und antike Kopien, alte Bücher und Nippes. Daneben sitzen Kräuteromas und Pilzsammler neben ihren Angeboten. Wenn man es schafft, seinen Blick von den vielen Ofertas zu lösen und ihn in die Runde schweifen lässt, entdeckt man wunderschöne Hausfassaden und wünscht sich, den Marktplatz einmal ohne das Menschengewimmel in Ruhe anzuschauen. Viele der Häuser sind saniert und strahlen bürgerliche Gediegenheit aus. Mit Stuck und Ornamenten verziert, rahmen die Häuser stolz den Plaça Major von Vic. Fasziniert zieht es uns jetzt in die nächsten Gassen. Auch hier herrscht geschäftiges Treiben. Viele kleine Geschäfte beleben die Straßen und Plätze des alten Stadtzentrums. Beim Bäcker kaufen wir uns belegte Brötchen und zahlen deutlich weniger als gewohnt. Vic ist bekannt für gute Wurst-, Fleisch- und Käsewaren und dementsprechend opulent fallen die Dekorationen in den Spezialitäten-Läden aus. Die Vicer sind beim Wochenendeinkauf, und vor den Wurst- und Fleischtheken herrscht Andrang. Viele Boutiquen und Geschäfte sind modern und ansprechend gestaltet und laden zum Bummeln ein. Wir versorgen uns am „Oficina de Turisme“ mit einem Stadtplan und deutschem Faltblatt und begeben uns auf die Suche nach den Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Vic hat 32.000 Einwohner und liegt in der Mitte Kataloniens. Vic ist Universitätsstadt. 10 Prozent der Anwohner sind Studenten. Das ist einzigartig in Katalonien und Spanien.
So wird das Kultur-Leben in der Stadt von den Studenten mit geprägt und ist multikulturell und offen.
Viele der unzähligen Kirchen werden für Kunstausstellungen genutzt. Der Eintritt ist frei und man erlebt moderne Kunst in der Kirche oder im alten Tempel in anderen Dimensionen als in kleinen Galerien und Ausstellungsräumen. Auch sonst ist die Stadt gekennzeichnet vom Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne, ländlichen Lebensformen und neuzeitlichen Erscheinungen. Die engen Gassen und verwinkelten Plätze bergen architektonische Kleinode aus Gotik, Barock, Renaissance, Jugendstil und Zeitgeist. So findet man das Episkopalmuseum als modernen Museumsbau der Architekten Correa und Milá (2002) zwischen alten Stadtpalästen. Dieses Museum gilt als eines der besten und interessantesten Museen für religiöse, mittelalterliche Malerei und Bildhauerkunst in Europa.
Es befindet sich auf der Plaça Bisbe Oliva und hat vom 1. April bis 30. September von Di-Sa von 10-19 Uhr, So von 10-14 Uhr geöffnet. Weiterhin hat die Stadt Vic ein Ledermuseum, das Museum des Claretianer-Ordens, die Kathedrale mit romanischem Glockenturm und gotischem Kreuzgang kann besichtigt werden, und in der Capella de la Pietat und im Sala Sert sind Gemälde von Josep Maria Sert, einem bedeutenden katalanische Künstler (1874-1945)zu sehen und beeindrucken mit Farbe und Ausdruckskraft.
Vic wurde erstmals im 4. Jh.v.Chr. unter dem Namen Ausa erwähnt. Damals siedelte der iberische Stamm der Ausetanen hier. Später kamen die römischen Besatzer. Im 2. Jh.n.Chr. wurde ein römischer Tempel errichtet und das antike Stadtrecht erteilt. Während der Zeit der Westgoten (5.-8. Jh.) erhielt „Ausa erstmals einen Bischofssitz... Die Wechselvolle Stadtgeschichte kann man im Stadtführer auf dem deutschen Stadtplan nachlesen.
Die im Jahre 1875 fertig gestellte Eisenbahnlinie nach Barcelona beschleunigte zunehmend die Stadtentwicklung. Mit Eröffnung des Priesterseminars erfolgte die kulturelle Blüte der Stadt, und so hatte Vic im ausgehenden 19. Jahrhundert einen hohen Stellenwert bei der kulturellen und politischen Renaissance in Katalonien. In Vic befanden sich unter den Seminaristen u.a. Jaume Balmes, Sant Antoni Ma. Claret und Jacint Verdaguer. Sie gründeten hier den Literaturkreis „Cercle Literari“.

Vic ist heute Bischofssitz der Diözese und Kreishauptstadt von Osona. Die Wirtschaft der Region fußt auf Gewerbe, Industrie und Dienstleistung. So finden im Laufe des Jahres in Vic viele kleine und mittlere Fachmessen satt, die großteils der Öffentlichkeit zugänglich sind. Ende Mai fand z.B. die „Fira del formatge, la mel i el mató“ (Messe für Käse, Honig und Quark) statt.
Am Ende eines langen Tages kehrten wir mit neuen interessanten Eindrücken und Taschen voller Markteinkäufe müde nach Torroella zurück.

www.victurisme.com, Tel. 93 886 20 91, Fax: 93 889 26 37